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Damals Sklaven – jetzt frei


Jede Woche mit Einzug des Schabbat und an jedem Feiertag, wenn die Lichter der Kerzen sich sanft in unseren Seelen widerspiegeln, konstatieren wir regelmäßig zwei absolut fundamentale Wahrheiten unserer Existenz: dass G’tt der Schöpfer aller Dinge ist und, implizit, dass wir ein bestimmender Teil dieser Schöpfung sind, verpflichtet zu Dankbarkeit und Verantwortung. Weiter erinnern wir uns immer wieder, dass G’tt uns mit starker Hand und ausgestrecktem Arm, mit Zeichen und Wundern aus der Sklaverei Ägyptens in die Freiheit geführt hat. Nicht nur alle unsere heiligen Tage, sondern unsere ganze menschliche Existenz ruht auf diesen beiden Säulen: Schöpfung und Freiheit.

Am Pessachfest und ganz besonders, wenn wir uns rund um den Sedertisch versammeln, stellen wir das zweite dieser Elemente in den Mittelpunkt, denn der Auszug aus Ägypten der Kinder Israel steht symbolhaft für das Grundrecht aller Menschen frei zu sein. Wenn wir aus der Haggada die Worte rezitieren „damals waren wir Sklaven und jetzt sind wir freie Menschen“, bewegen wir uns aus dem geschichtlichen Hintergrund heraus in die Universalität der menschlichen Existenz und schreiben, sozusagen, in die Verfassung der Menschheit: Freiheit ist das unabdingbare Recht eines jeden Menschen. So kann man die Aufforderung der Haggada verstehen: „In jeder Generation soll jeder Mensch sich so betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen.“

Als die Französische Revolution sich „Liberté“ auf die Fahne geschrieben hatte, hat sie nichts Neues erfunden, denn Israel, das jüdische Volk, hat dieses Grundrecht des Menschen bereits vor dreieinhalbtausend Jahren verkündet: Kein Mensch besitzt einen anderen und Eigenständigkeit und Selbstverantwortung sind keine käufliche Ware. Dabei bedeutet Freiheit nicht die Abwesenheit von Schwierigkeiten, Kummer und den vielen negativen Seiten des Lebens. Der Weg der Kinder Israel nach ihrer Befreiung führte in eine grausame Wüste mit Feuerschlangen und Skorpionen, gleißender Hitze und klirrender Kälte, Hunger und Durst, doch sie erlebten es eben als freie Menschen und am Ende führte ihr Weg ins verheißene Land. Wenn wir am Sedertisch unsere Weingläser erheben, lasst uns gegenseitig nicht nur zurufen: Lechajim – zum Leben!, sondern auch: Lacherut – auf die Freiheit!

 

Landesrabbiner em. Dr. h.c. Henry G. Brandt