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Das Integrationsseminar 2011


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Ein weiterer Schritt zu gelebter Integration. Tipps und Ratschläge „aus erster Hand“.

Eine Auswanderung ist für jeden Menschen mit größeren Veränderungen im Leben und vor allem dem eigenen Selbstbild und der eigenen Identität verbunden. Es benötigt seine Zeit, bis man sich mit der Kultur, der Sprache und den Lebensgewohnheiten des neuen Landes vertraut gemacht hat. Insbesondere ältere Menschen fühlen sich häufig unsicher und – ähnlich Robinson Crusoe -, wie nach einem Schiffbruch auf einer unbewohnten Insel gestrandet, obwohl sie teilweise bereits länger als 10 Jahre in Deutschland leben und die deutsche Sprache ausreichend beherrschen.

Sie müssen sich jedoch neue Kenntnisse und soziale Verhaltensweisen aneignen, um sich erfolgreich einem geänderten Lebensalltag anpassen zu können. Sogar bei Menschen, die schon relativ lange Zeit erwerbstätig sind und die einen deutschen Pass besitzen, besteht oftmals noch ein großer Informationsbedarf.

Für die Gemeindemitglieder und ihre Angehörigen, die immer die „Hand am Puls“ haben wollen, organisieren wir in Kooperation mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) regelmäßig Integrationsseminare. Diese Integrationshilfe befähigt die Teilnehmer, sich in Alltagssituationen leichter zurechtzufinden sowie ihre Selbsthilfepotentiale zu aktivieren.

      
Das nun schon dritte Integrationsseminar in unserer Gemeinde wurde dieses Mal als eine Zwei-Tages-Veranstaltung konzipiert und fand vom 5. bis 6. Oktober statt. In kurzer Zeit    bekamen 24 Teilnehmer aus Augsburg und Umgebung viele wichtige Informationen und Ratschläge für ihren Alltag in Deutschland. Leider konnten nicht alle Interessenten für das Seminar teilnehmen, denn in einer Absprache zwischen den Trägerorganisationen BAMF und ZWST  ist festgelegt, dass für Personen, die schon an einem solchen Seminar in 2009 bzw. 2010 teilgenommen haben, bis auf Weiteres keine neuerliche Möglichkeit zur Teilnahme besteht. Die Auswahl der TeilnehmerInnen erfolgte über die Sozialarbeiterin Elena Reznic. Sie wurden von ihr nach der Reihenfolge der Anmeldungen und unter Berücksichtigung der besonderen Kriterien des Europäischen Integrationsfonds ausgewählt. Am Seminar haben sowohl die im Zeitraum 1994 bis 2005 zugewanderten altansässigen Gemeindemitglieder und ihre Familienangehörigen teilgenommen, als auch erst in den letzten Monaten zugewanderte Neuankömmlinge. Für Anatoli Purnik vom Sozialreferat der ZWST war es in diesem Jahr bundesweit bereits die sechste derartige Veranstaltung, an der er mitgewirkt hat. In diesem Jahr fanden unter seiner Leitung bereits Seminare in Köln, Halle, Erfurt, Kassel und Kiel statt. Dementsprechend weiß er genau, welche Informationen die Teilnehmer am dringendsten benötigen, und der Seminarinhalt wurde nach ihren Bedürfnissen und in vorheriger Absprache mit uns angepasst.
Fünf von sechs der Referenten des Seminars sind die Schwierigkeiten beim Weg in das deutsche Leben sehr gut bekannt, da sie selbst aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind. Sie leben hier nun schon seit vielen Jahren und kennen die vermittelten Informationen nicht nur aus der Theorie, sondern auch aus der Praxis und konnten deshalb auf die Sorgen und Wünsche der Teilnehmer eingehen, neben ihrem Fachwissen auch eigene Erfahrungen (praktische Beispiele etc.) weitergeben sowie sich stärker auf Themen konzentrieren, die den Teilnehmern „unter den Nägeln brennen“.

             

Für Menschen, die schon länger hier leben, aber der deutschen Sprache noch nicht ausreichend mächtig sind, war es eine große Erleichterung und besonders hilfreich die wichtigen Informationen „aus erster Hand“ in ihrer Muttersprache vermittelt zu bekommen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch das Vorstandsmitglied Yevhen Mozhovyy folgten am ersten Seminartag zwei Vorträge von Boris Bujanow, Sozialarbeiter der IRG Leipzig, seit den 80er Jahren in Deutschland lebend, der sozialversicherungsrechtliche Themen wie das Sozial- und Gesundheitssystem in Deutschland (Auszahlung von Arbeitslosengeld II, Grundsicherung im Alter, medizinische Versor gung, Krankenkassen, Pflegeversicherung, Behindertenrecht) behandelte. Im weiteren Verlauf seines Vortrages beantwortete er zahlreiche Fragen der Teilnehmer, erörterte Fallbeispiele aus dem Alltag und gab viele nützliche Tipps. Ergänzend zu allen besprochenen Themen wurden ausführliche Seminarunterlagen ausgegeben.

Nach einer gemeinsamen Mittagspause war der aus Russland stammende Leipziger Anwalt Roman Emich zu Gast, der sein Jura-Studium in Deutschland absolviert hat. Seine zwei Vorträge befassten sich mit aktuellen rechtlichen Themen: Gerichte, Zivilrecht, Strafrecht, Familienrecht. Alle von Teilnehmern gestellten Fragen zu diversen sozialrechtlichen Aspekten wie Rechtsansprüche, Ansprüche auf Prozesskostenhilfe,Rechtsbeziehungen zwischen Mieter und Vermieter etc. wurden beantwortet. Auch die Problematik im Themenbereich der Rechtsschutzversicherungen wurde ausführlich besprochen. Seine Ausführungen beendete er mit einer Erörterung von unterschiedlichen Fallbeispielen.

      

Am nächsten Morgen begann um 9.00 Uhr der zweite Seminartag mit einem Vortrag des Seminarleiters Anatoli Purnik (1991 aus St. Petersburg zugewandert). Er lenkte den Fokus auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft seit dem Kriegsende, die Mitgliederstatistik der jüdischen Gemeinden sowie die Ziele der jüdischen Organisationen in Deutschland (ZWST, Zentralrat der Juden), gab einen Überblick über verschiedene Aspekte und Perspektive des heutigen jüdischen Lebens in Deutschland und ging dabei auf die einzelnen Probleme ein, mit denen sich viele Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion bei ihrer Ankunft konfrontiert sind. Zu diesem Thema wusste er selbstverständlich viel zu erzählen, aber angesichts der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit konnten leider nicht alle zu diesem Themenkomplex gehörenden Fragen behandelt werden.

Das Programm wurde fortgesetzt vom Unternehmer Sergej Kuzenko, der 1990 aus dem Kaukasus nach Deutschland gekommen ist und gemeinsam mit seiner Frau zwei Apotheken in Hannover betreibt. In seinem Vortrag „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ berichtete er über die medizinische Versorgung, die Verordnung und den Erwerb von Medikamenten, das Verhältnis zwischen Ärzten, Krankenkassen und Patienten.

Nach der Mittagspause wurden durch Alexander Pisetzki, Sozialarbeiter der jüdischen Gemeinde Magdeburg,  Informationen zum deutschen Miet- und Wohnrecht vermittelt. In Zeiten stetig steigender Energiepreise gibt es regelmäßig Streit zwischen Mieter und Vermieter wegen der Nebenkosten-Abrechnung. Viele Abrechnungen sind zumeist fehlerhaft, denn Vermieter wälzen häufig Kosten auf die Mieter ab, die sie eigentlich selbst tragen müssten. Das Thema wurde mit der Seminargruppe intensiv diskutiert. Die Teilnehmer bekamen dabei nicht nur gute Tipps für den Umgang mit dem Vermieter, sondern noch zur Erläuterung der Betriebs- und Nebenkostenabrechnung ein Musterbeispiel einer konkreten Mietwohnung in Bayern.

Den letzten Vortrag hielt Referentin Gabriele Gers, Juristin vom VerbraucherService Bayern im KDFB e.V. (Beratungsstelle Augsburg), zum Thema Verbraucherschutz. Sie stellte zu Beginn des Vortrages die unterschiedlichen Aufgabenfelder des VerbraucherServices vor und berichtete dann über Probleme, mit denen sie in der Beratung häufig konfrontiert wird. So z.B. stellen sich oftmals Probleme ein, wenn man von einem Kaufvertrag oder einem Telefonvertrag zurücktreten oder diesen widerrufen möchte. Jeder sollte wissen, dass keine Rechnungen von dubiösen Firmen bezahlt werden sollten, auch wenn ein Inkassounternehmen Geld fordert. Während des Vortrags erhielten die Teilnehmer einen Überblick über das allgemeine Kaufrecht (Garantie, Gewährleistung, Umtausch, Rechte u. Pflichten von Käufern u. Verkäufern) sowie viele wichtige Ratschläge dazu, wie unnützem Ärger und Streitigkeiten aus dem Weg gegangen werden kann. Der Vortrag der deutschsprachigen Referentin und die Diskussionsbeiträge der russischsprachigen Teilnehmer/innen wurden von Anatoli Purnik in beeindruckender Weise simultan gedolmetscht.

        

Das Seminarprogramm wurde mit einer kleinen Abschiedsfeier und einer ganz besonderen tollen Torte abgerundet.Im Anschluss an die Veranstaltung wurden von den Teilnehmern ihre Seminarbewertungen abgegeben sowie deren Themenwünsche für das nächste Seminar gesammelt, so dass auch die Inhalte der Veranstaltung 2012 bereits abgesteckt wurden. Nach Auffassung allerSeminarbeteiligten – Teilnehmern und Veranstaltern – war das Seminar sehr informativ, praxisorientiert, lebendig und erfolgreich. Das Seminarprogramm beeindruckte nicht nur durch eine ausgezeichnete Auswahl an Vortragenden, deren fachliche Kompetenz eine besondere Beachtung verdient, sondern auch durch eine gut durchdachte Auswahl der aktuell diskutierten Themen. Die Ausführungen der Referenten stießen bei den Teilnehmern auf großes Interesse und führten zu lebendigen Gesprächen und Diskussionen sowohl während, als auch nach den Vorträgen. In den Pausen gab es bei einem reichhaltigen Mittagessen die Gelegenheit zu einem intensiven Erfahrungs- und Meinungsaustausch über die bisherigen Erlebnisse der Referenten und SeminarteilnehmerInnen.

Wir bedanken uns ganz herzlich beim ZWST-Seminarleiter und dem gesamten Referenten-Team für das gelungene Seminar und freuen uns bereits auf ein neues Seminar, welches wir bestimmt in einiger Zeit wieder verabreden werden. Ein besonderer Dank geht auch an  Eidia Listengarten für die ausgezeichnete Arbeit der koscheren Küche.

Alexander Korolev

Integrationsabteilung