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Erfolgreiche Integration


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Die russischsprachigen Migranten sind in Augsburg eine statistisch signifikante Gruppe in der Bevölkerung der Stadt – 25.000 oder 9,4% der Gesamtzahl der Einwohner. Trotz der Tatsache, dass die russischsprachige jüdische Diaspora nur 1,5% der städtischen Bevölkerung beträgt, was ihr verständlicherweise keine Möglichkeit bietet, zu einer mehr oder weniger einflussreichen sozio-politischen Kraft zu werden, zeigt die jüdische Gemeinde jedoch die Bereitschaft zur Integration und die Fähigkeit, sich einem neuen kulturellen deutschen Umfeld und dem Leben in einer multikulturellen Stadt anzupassen.

Noch 1989 stand die Gemeinde mit ihren 199 Mitgliedern unter einer drohenden Gefahr der Selbstauflösung. In den letzten 20 Jahren ist die Gemeinde stark gewachsen und gilt heute mit ihren etwa 1500 Mitgliedern als drittgrößte jüdische Gemeinde in Bayern. Von einer sozialen Anlaufstelle für ihre Mitglieder, hat sich die Gemeinde wieder zu einem festen Bestandteil des städtischen Lebens und dem Zentrum des geistlichen und kulturellen Lebens der Juden in multinationalem Schwaben entwickelt. Russisch-jüdische Migranten, die während der massiven Einwanderung der 90-er und der nachfolgenden Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, bilden heute die überwiegende Mehrheit der Gemeindemitglieder (95%) und prägen ein ganz neues soziales, kulturelles und sprachliches Profil der jüdischen Gemeinschaft Schwabens.

Durch die jüngsten Rückschläge und Misserfolge in der Integrationspolitik der Regierung, die Imitation einer aktiven Beteiligung der Bürokratie an den langfristig bestehenden Integrationsproblemen (Rechtsvorschriften über die doppelte Staatsbürgerschaft, Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse, Ausgrenzung von Migranten aus der wirklichen Teilhabe am politischen Leben usw.) sowie durch die verschärfte Diskussion über die Integrationsprobleme, deren Auslöser das skandalöse Buch „Deutschland schafft sich ab“ wurde, geschrieben von einem ehemaligen Mitglied des Vorstands der Bundesbank Thilo Sarrazin, verbreitet sich in Schwaben, wie eigentlich in vielen anderen Regionen Deutschlands, eine Ablehnung gegenüber den nicht integrationswilligen „Fremden“. Laut jüngsten Umfragen verschiedener Magazine (Stern, Spiegel, Focus) und der Meinungsforschungsinstitute (INFO und Liljeberg Research International) teilen 46 % der Bundesbürger die Sarrazins Bedenken, die Deutschen könnten immer mehr zu „Fremden im eigenen Land“ werden, 62 % unterstützen seine Fragestellung und jeder fünfte deutsche Bürger hat eine negative Haltung gegenüber Einwanderern.

Bei ohnehin gravierender Überlastung des städtischen Budgets stellt jeder nicht integrierte Fremde zweifellos eine gewisse Belastung für die Stadt dar. Für Augsburg mit seinen über 267.000 Einwohnern und 40 % (105.000) Einwanderern ist ein solches Konglomerat von Menschen aus mehr als 140 Nationen mit allen dazu gehörenden Begleiterscheinungen der Grund für eine nachvollziehbare Sorge der Behörden. So liegt der Anteil der Migranten an der Zahl der Sozialhilfeempfänger bei 45%, woraus sich die Kosten von etwa 40 Mio. Euro pro Jahr ergeben. Sowohl an Grundschulen als auch an vorschulischen Einrichtungen ist der Anteil der Kinder „mit Migrationshintergrund“ auf mehr als 50 % angewachsen. Die Ablehnung gegenüber Ausländern trifft die Migrantenorganisationen auch in Schwaben. Allein in Augsburg sind etwa 100 verschiedene amtlich eingetragene Ausländer- und Kulturvereinen angesiedelt.

Ungeachtet dessen, dass die überwiegende Mehrheit der jüdischen Zuwanderer Menschen mit hohem Bildungsniveau, großer Lebenserfahrung und intellektuellem Hintergrund sind, Tatsachen, die ihnen die Anpassung an neue Lebensbedingungen und den Zugang zum hiesigen Arbeitsmarkt wesentlich erleichtern, hängt jedoch eine erfolgreiche Integration nicht nur von eigenen Bemühungen der Gemeindemitglieder, sondern in vielerlei Hinsicht auch davon ab, inwiefern positiv die Einstellung des ortsansässigen Establishments und der städtischen Öffentlichkeit ihnen gegenüber ist. Dies wiederum hängt unmittelbar davon ab, wie sich die örtliche jüdische Gemeinde darum bemüht, ihre Autorität zu stärken und ihr Image zu verbessern.

Die an den Hebeln der Macht sitzende einheimische gesellschaftliche Elite beherrscht fast vollständig regionale Finanzressourcen und verhält sich manchmal absolut gleichgültig, wenn sogar nicht feindselig gegenüber den Migranten und ist nur flüchtig mit Problemen der Migranten bekannt, es sei denn, es geht z. B. um das mit enormer hysterischer Kritik aufgenommene Buch Thilo Sarrazins. Die Elite interessiert sich, vorsichtig ausgedrückt, wenig für Probleme der Migranten aus der Region, geschweige von spezifischen sozialen, kulturellen und religiösen Integrationsproblemen der kleinen ethnischen Migrantengruppen wie beispielsweise die Stärkung der kulturellen Identität und des Selbstbewusstseins jüdischer Migranten.

Unter Berücksichtigung dieser Gegebenheit und des Bedeutungsgrades der Begriffe „Ansehen“ und „Image“ führt die heutige Gemeindeleitung eine Politik durch, die sich auf einen offenen Dialog mit Menschen aus allen Schichten und Gruppen der Bevölkerung, mit lokalen und regionalen Behörden sowie mit Vertretern der verschiedenen öffentlichen Organisationen und Migrantenorganisationen in der Region Schwaben stützt. Dies schafft eine solide Grundlage für ein kooperatives Zusammenwirken aller sozialen Einrichtungen der Stadt und der Region und ermöglicht es der Gemeinde, ihre Sozialpolitik weiter auszubauen und ihr Ansehen zu stärken. Der erfolgreichste Weg zur Verständigung sind persönliche Kontakte zwischen den Menschen unterschiedlicher Herkunft. Weit öffnen wir unsere Tore auch für Nicht-Juden. Jeder, der ein gutes Herz hat, ist bei uns willkommen. Zu unseren Veranstaltungen laden wir immer zahlreiche Freunde der Gemeinde, Kooperationspartner, Vertreter aller städtischen und regionalen öffentlichen Organisationen ein. Besonders freuen wir uns über Bürgerinnen und Bürger der Stadt Augsburg, Vertreter der Migranten- und Religionsgemeinden, die bei uns auf den Opfern des Nationalsozialismus gewidmeten Gedenkveranstaltungen zu Gast sind.

Die Fähigkeit zur konstruktiven Interaktion mit Menschen aus anderen Kultur- und Religionskreisen sowie mit allen positiven Kräften und Strukturen der deutschen Gesellschaft trägt bereits ihre Früchte, denn im letzten Halbjahr besuchten uns erstmals diverse Organisationen, die bei uns nie zuvor zu Gast waren, mit dem Ziel, ein Fundament für gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Seniorenbeirat der Stadt Augsburg war mit 23 Mitgliedern am 21.07.10 bei uns zu Gast. Während des Besuchs wurden Fragen erörtert, die für ältere Menschen aktuell sind: Anrechnung der Renten, Kommunikation mit sozialen Diensten der Stadt, altersbedingte psychologische Erscheinungen, Verhältnis zu der jüngeren Generation. Besonderes Augenmerk wurde den komplexen Fragen der Finanzierung von Projekten gewidmet: Renovierung der Synagoge, Wiederherstellung des alten und Bau eines neuen Jüdischen Friedhofs. Nach einer spannenden Diskussion fand am Ende des Treffens die Vorführung des Dokumentarfilms „Warum Israel“ statt.

Anfang Dezember 2010 bekamen wir Besuch von Vertretern des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Im Mittelpunkt ihres Interesses standen: Organisation der Integrations- und Projektarbeit in der Gemeinde, Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache, Vermittlung von PC-Kenntnissen, Durchführung von Integrationsseminaren sowie Hilfe bei der Aktivierung der Selbsthilfepotentiale für eine möglichst schnelle Eingliederung in die deutsche Gesellschaft.

Auf Anregung des Integrationsbeirats der Stadt Augsburg fand seine 3. öffentliche Sitzung zum ersten Mal in den Räumen der IKG Schwaben-Augsburg statt. Da die Gemeinde heute im Hinblick auf die Gestaltung der Integrationsarbeit eine der wenigen erfolgreichen Migrantenorganisationen in Schwaben ist, waren die von uns in den letzten Jahren gesammelten positiven Erfahrungen in diesem Bereich für die Mitglieder des Integrationsbeirats sehr interessant. Wir wurden zu einer Zusammenarbeit mit dem Integrationsbeirat als Kooperationspartner bei der Realisierung des Integrationsprogramms der Stadt eingeladen. Zu einem der wichtigsten Projekte zählt die Gründung des Integrationszentrums Augsburg.

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V (ZWST) war am 10.02.11 bei uns zu Gast. ZWST interessierte sich für die in den letzten Jahren gelungenen Veränderungen im Gemeindeleben. Lösung der sozialen Fragen, Integrationsmaßnahmen für Gemeindemitglieder und ihre Familienangehörigen zur beruflichen und sozialen Eingliederung, Freizeitgestaltung und -beschäftigung für Senioren/innen, Teilnahme von Jugendlichen am Gemeindeleben, Teilnahme an ZWST-Seminaren und Fortbildungen – diese und viele weitere Fragen waren Gegenstand einer offenen Diskussion in der gemeinsamen Sitzung des Vorstandes und der Gemeindemitarbeiter mit der Vertreterin der ZWST Frau Kazva. Im Anschluss an die Sitzung fand noch eine 4-stündige Mitgliederversammlung statt, in deren Verlauf Frau Kazva zahlreiche Fragen gestellt wurden.

Als positives Ergebnis kann konstatiert werden, dass praktisch alle unsere Besucher die Bereitschaft zeigten, das bereits erreichte Niveau der Zusammenarbeit weiter zu steigern, die eine weitere Beteiligung der Gemeinde an der gemeinsamen Umsetzung verschiedener sozialer Projekte voraussetzt. Dazu gehören insbesondere:

  • Organisation der jährlich stattfindenden Seniorenferien und Freizeitveranstaltungen für ältere Menschen, die die deutsche Sprache beherrschen und im Gemeindeleben aktiv sind;
  • Umsetzung der vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) geförderten und aus diversen EU-Fonds finanzierten Integrationsprojekte;
  • Teilnahme an den vom ZdJ (Zentralrat der Juden in Deutschland) finanzierten Programmen;
  • Durchführung von gemeinsamen Integrationsseminaren sowie Teilnahme an den von der ZWST veranstalteten Seminaren und Weiterbildungsprogrammen zur fachlichen Qualifizierung der Mitarbeiter/-innen jüdischer Gemeinden;
  • Teilnahme an den von der ZWST betreuten Projekten in Kooperation mit anderen jüdischen Gemeinden mit dem Ziel, die Unterstützung für Gemeindemitglieder mit Behinderungen, ihre Familienangehörigen sowie bei der Organisation der Treffen für Holocaust-Überlebende zu leisten.
  • Eine enge Kooperation mit diesen Organisationen und ein gemeinsamer Auftritt mit einigen von ihnen wird unsere Suche nach neuen Finanzierungsquellen für die Umsetzung der geplanten sozialen Projekte, die Organisation der Arbeit mit Jugendlichen und den Prozess der Lösung der wichtigen Gemeindeaufgaben erleichtern und zu einer langfristig gesicherten Zukunft der Gemeinde beitragen.

 

Alexander Korolev
Integrationsabteilung