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Wege der Verbreitung vom Schach im Europa


 Es liegen schriftliche Quellen vor, die über die Rolle der Juden bei der Verbreitung der mittelalterlichen Schachvariante „Chaturanga“ im Europa berichten. Wenn man hypothetische Wege der Verbreitung vom Schach im Europa auf einer Karte aufzeichnen würde, würden sie durchaus mit den Handelswegen der Radhaniten übereinstimmen.

Radhaniten waren jüdische Händler, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert der neuen Zeitrechnung zwischen Spanien und China reisten und ein Monopol fürs Transithandel zwischen dem Osten und dem Westen besaßen, inklusive Karavanhandel auf der Großen Seidenstraße.

Man vermutet, dass sie ihre Waren durch Spanien oder Frankreich über das Mittelmeer bzw. auf dem Landweg durch die nordafrikanischen Länder nach Ägypten brachten, und von dort aus auf den Kamelen bis zum Roten Meer und auf Schiffen nach Indien und China transportierten. Als Variante kamen sie über das Mittelmeer oder auf dem Landweg aus Ägypten nach Antiochien, überquerten Syrien bis zum Euphrat, von dort aus kamen sie nach Bagdad, segelten auf dem Fluss Tigris bis zum Persischen Golf und dann nach Indien und China. Die andere Strecke der Radhaniten führte über Europa, „hinter Rom“, durch die Gebiete der Slaven (mit deren Sprachen sie wie mit vielen anderen vertraut waren) zur hasarischen Hauptstadt Ithil und weiter über Wolga zum Kaspischen Meer und über die Große Seidenstraße durch Persien oder Turan in den Fernen Osten.  Handelswege durchquerten ganz Hasarien. Durch Kaspien und über Wolga führte die Hauptstraße, die die Länder von Radhaniten durchquerte und den Weg „von Waragen zu Griechen“ kreuzte. Vom unteren Teil von Wolga und dem arabischen Osten durch Kiewer Rus, Baltikum und Skandinavien. Durch Mittelasien und nach Ural führten Karavanstrecken. Über das Schwarze Meer und Don führte ein Teil der Großen Seidenstraße, über die Seide, Gewürze und Luxusgegenstände von China nach Bisanz geliefert wurden. Die Strecke „von den Deutschen zu den Hasaren“ durch Regensburg, Prag, Krakau und Kiew gewährleistete den Zugang zu den Märkten in Westeuropa. Über die Rolle der Radhaniten für die Handelsentwicklung in Hasarien schrieb der Historiker Lev Gumilev /L. Gumilev. Altes Rus und die Große Steppe. Moskau. 1993/ . Jüdisch-hasarische Händler waren ein wichtiger Teil dieser Gemeinschaft und betrieben Handel auf dem Gebiet des Osteuropas, doch kamen sie teilweise sogar bis zum Konstantinopel, Kordoba und Alexandria.

Radhaniten brachten aus Westeuropa junge Sklaven, Eunuchen, bestickte Stoffe, Bieber- und Marderpelze, Schwerte (viele Waren wurden unterwegs erworben). Aus Osteuropa, das unter hasarischer Herrschaft stand, fuhren sie Zobel-, Eichhörnchen-, Hermelin-, Bieber- und Fuchspelze aber auch Sklaven, Wachs, Honig, großes Rindvieh, Fisch und Fischkleber aus. Aus China und Indien transportierten sie auf dem Rückweg Seide, Moschus, Aloe, Kampfer, Zimt, andere Gewürze und Luxusgüter.

Über die Tätigkeit der Radhaniten ist uns Vieles von den arabischen Wissenschaftlern dieses Zeitalters bekannt, die sie Radanier bzw. Radhanier nannten. Die Etymologie dieser Bezeichnung bleibt bis jetzt unbekannt. Viele moderne Wissenschaftler vermuten, dass die Bezeichnung Radhaniten von den persischen Wörtern rah – Weg und don – wissen kommt, also diejenigen, die den Weg kennen.

Drei hypothetische Wege der Verbreitung vom Schach in Europa sind bekannt. Der erste Weg war vom mittelalterlichen Iran (Persien) durch Kaspisee , Hasarien. Kiewer Rus und weiter auf der Strecke „von Waragen zu Griechen“  oder „von den Deutschen zu den Hasaren“  in die Länder des Mitteleuropas oder nach Baltikum und Skandinavien und weiter bis zu den Britischen Inseln. Dies wird durch archäologische Funde und Hinweise auf das Schachspiel in Mythen und Legenden belegt. Es gibt dazu jedoch keine schriftlichen Quellen. Als Indiziennachweis gilt erstens die Ähnlichkeit der Bezeichnung für die stärkste Figur in russischer und arabischer Sprache (fers und  al-firsan  – ein Wissenschaftler, ein Weiser) und zweitens die Ähnlichkeit der Bezeichnung für den Turm in arabischer und altpolnischer Sprache (al-roch und roch) und ebenfalls die Herkunft des Begriffes Rochade von der arabischen Bezeichnung für den Turm. Auch dieser Begriff klingt in deutscher und altpolnischer Sprache ähnlich: die Rochade und rochovanie.

Der zweite Weg aus Nordafrika führte durch Sizilien und Italien bis zu den Alpen. Diese Hypothese hat fast keine Belege – es gibt keinen schriftlichen oder sonst fassbaren Quellen.

Der dritte und laut vorhandenen schriftlichen Quellen der älteste Weg führte durch Persien und weiter von Bagdad durch die Gebiete des Arabischen Kalifats und die Iberische Halbinsel nach Europa. Auch wenn es keine schriftlichen Quellen gäbe, würde als Indiziennachweis die Übereinstimmung der Bezeichnung für den Läufer in arabischer und spanischer Sprache gelten (al-fil und el alfil). Die ersten Hinweise auf das Schachspiel sind in einer arabischen Quelle aus Kordoba von 795 enthalten. Kordober Kalifat hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits vom Bagdad getrennt, doch gab es immer noch enge wirtschaftliche Verbindungen. Juden hatten in Kordober Kalifat eine gefestigte wirtschaftliche und kulturelle Position. Eine Primärquelle zu dieser Thematik ist das 1874 erschienene Buch von M. Steinschneider „Schach bei den Juden“. Dr. M. Steinschneider ging davon aus, dass Juden die Schlüsselrolle bei der Verbreitung vom Schach aus Persien nach Arabien und weiter nach Spanien (Kordober Kalifat) gespielt haben, da sie viel gereist haben und die ersten und die wichtigsten Vermittler für Literatur, Musik, Wissenschaft und bei der Verbreitung medizinischer Kenntnisse im Europa waren. Genauso konnten sie das Schachspiel nach Europa bringen, das einzige damals erlaubte Spiel, in dem man nicht um Geld gespielt hat (Karten- und Würfelspiele waren verboten). Eine Schilderung einer solchen Möglichkeit mit Hinweisen auf die Primärquelle findet sich in den Schriften des spanischen Historikers und Schachmeisters Ricardo Calvo aus den Jahren 1991-96. Auf jeden Fall findet sich die erste Spielanleitung für Chaturanga in der Schachnovelle vom jüdischen Philosophen und Mathematiker Abraham ibn Esra aus Toledo (1092-1167), die 1140 geschrieben wurde.

Isaak Urbach, Leiter des Schachklubs der IKG Schwaben-Augsburg, Tel. 0821-5893206